Historische Industriekultur

Homburg v.d.Höhe war Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur ein aufstrebendes Heilbad, sondern entwickelte auch eine Wirtschafts- und Industriebranche, die die Finanzkraft der Stadt stärkte. In den Anfängen befand sich das produzierende Gewerbe zum großen Teil mitten in der Stadt. Erst 1919 wurde ein eigenes Industriegebiet am Bahnhof erschlossen, der heutige Gewerbepark Mitte.

Einige Zeugnisse der historischen Industriekultur blieben erhalten, andere Firmen setzten ihre Tradition in modernen Gebäuden fort, an wieder andere erinnern Straßennamen, Plätze oder Brücken.

Bad Homburg verfügt im Rahmen der „Route der Industriekultur Rhein-Main“ über einen eigenen lokalen Routenführer mit 22 Objekten. Hier eine Auswahl.

Gesamtkomplex Bahnhof

Die Anbindung Homburgs an das internationale Schienennetz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und nicht zuletzt der 1907 fertig gestellte Zentralbahnhof eröffneten dem produzierenden Gewerbe ein erweitertes Vertriebsnetz und schnelleren Absatz. Das im Stil der Neorenaissance erbaute Empfangsgebäude, das in naher Zukunft restauriert und umgestaltet werden soll, der benachbarte, für Kaiser Wilhelm II., seine Familie und seine Gäste errichtete Fürstenbahnhof sowie der Wasserturm auf der anderen Seite, an dem die Dampflokomotiven das für ihren Betrieb notwendige Wasser erhielten, stellen eine architektonische Einheit dar. Auf der südlichen Seite der Gleisanlage stehen der Güterbahnhof und der Lokschuppen, der zu einem der besten erhaltenen aus dieser Zeit zählt. Die Sanierungs- und Nutzungsplanung für die beiden Gebäude sind noch nicht abgeschlossen.

Hutfabrik Möckel

Hier, in der einstigen Hutfabrik in der Dorotheenstraße 8, entstand der berühmte Homburg-Hut! Ideengeber war 1882 der Prince of Wales, der spätere englische König Edward VII. Er weilte häufig zur Kur in Homburg. Als „Trendsetter in Sachen Mode“ wollte er unbedingt einen weichen Filzhut mit aufgerollter Krempe haben. Nur wenig später erhielt die bereits 1806 gegründete und baulich mehrfach erweiterte Hutfabrik Möckel den Titel „Hoflieferant Seiner Majestät des Königs von England“.

Elektrizitätswerk

Das 1897 von der Frankfurter Firma Lahmeyer in der Wallstraße 26 errichtete Dampfkraftwerk zur Gewinnung elektrischer Energie versorgte zunächst die zwischen dem (nicht mehr existierenden) Alten Bahnhof und Dornholzhausen, später auch der Saalburg pendelnde Kleinbahn. Als kurz darauf die damals noch eigenständigen Dörfer Kirdorf und Dornholzhausen ebenfalls Strom haben wollten, wurde das Elektrizitätswerk erweitert. Das „E-Werk“ ist heute ein Jugendkulturtreff.

Melita Essig-Fabrik

Von 1853 bis 2010 wurde in den Gebäuden der Kaiser-Friedrich-Promenade 12 Essig produziert und in den ausgedehnten Kellergewölben gelagert. Zuletzt waren es zwölf Sorten und rund fünf Millionen Liter. Bis 1968 gehörten zur Produktpalette außerdem der Reichs Post Bitter, verschiedene Senfsorten sowie Brand- und Schaumweine.

Brauerei-Turm

Im mittelalterlichen Burgenstil erhebt sich der Turm auf dem Grundstück Castillostraße 1. Er ist das letzte Relikt einer Anlage, in der ab 1840 gutes Bad Homburger Bier gebraut wurde. Die bis 1918 bestehende Brauerei trug zuletzt den Namen „Actien-Brauerei Homburg v.d.H. vorm. A. Messerschmidt“.

Zwieback-Fabriken

Nicht nur in der Nachbarstadt Friedrichsdorf gab es eine weithin bekannte Zwiebackproduktion, sondern auch in der Kurstadt Homburg. Das zweifach gebackene, trockene Brot gehörte u.a. zur „Homburger Diät“. Um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert wurden die beiden Produktionsstätten der Firma Pauly in der Bachstraße 15-17 und der Firma Adolf Schwab im Gluckensteinweg 4 gebaut.  Etwa Mitte der 1960er Jahre schlossen die Fabriken.

Kartonagen-Fabrik

Der Backstein-Schornstein am Gebäude Tannenwaldweg 6 spricht noch heute davon, dass sich dort einmal eine Produktionsstätte befand. In der 1808 erbauten, ehemaligen Walk- und späteren Pappenmühle wurden Kartonagen hergestellt. Ab 1990 entstanden in dem Komplex Wohnungen sowie eine Galerie des Kunstvereins Artlantis.

Wohnsiedlungen

Die Ansiedlung von Industriebetrieben erforderte in den 1920er Jahren die Schaffung von Wohnraum für die Arbeiter. Der damalige Stadtbaurat Dr. Ludwig Lipp entwarf zwei erhalten gebliebene Komplexe aus Mehrfamilienhäusern mit Torbögen sowie Gärten, Wäsche- und Spielplätzen in den Innenbereichen: Die nach ihm benannte „Lippstadt“ im Bereich Gluckensteinweg und Kronberger Straße sowie die „Weber-Siedlung“. Sie trägt den Namen des Kurarztes Dr. Carl Weber, der 1922 verstarb und aus dessen Stiftung die inzwischen teilweise sanierten Gebäude mitfinanziert wurden.

Villa Teves

Der Gründer der „Alfred Teves Maschinen- und Armaturenfabrik“ in Frankfurt verlegte 1936 seinen Wohnsitz in die Tannenwaldallee 6. Von Prinz Adalbert von Preußen, einem Sohn Kaiser Wilhelms II., hatte er das Grundstück erworben, auf dem er sich diese Villa errichten ließ. Sie wurde seit Kriegsende von verschiedenen Unternehmen genutzt.

Die Villen Reimers

Werner Reimers, 1928 Gründer des Unternehmens P.I.V., das u.a. stufenlose Getriebe herstellt, ließ sich kurz vor Kriegsbeginn inmitten eines weitläufigen Parks an der Herderstraße (Nr. 6) eine herrschaftliche Villa bauen. Von 1945 bis 1953 beschlagnahmten sie die Amerikaner. Das prächtige Haus wurde Wohnsitz der höchsten Militärführung, u.a. des späteren US-Präsidenten Eisenhower.

Im benachbarten Park Am Wingertsberg 4 errichtete Werner Reimers deshalb seine zweite Villa. Später residierte in den eleganten Räumlichkeiten die Werner Reimers-Stiftung, die inzwischen zusammen mit der Frankfurter Goethe-Universität in dem Gebäude sowie einem Neubau das Forschungskolleg Humanwissenschaften eingerichtet hat.