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02.06.2020

Peter Henning bewohnt als 1. Stadtschreiber Bad Homburgs die neue Hölderlin-Wohnung

Zum Jubiläumsjahr 2020 „250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin“ hat die Stadt Bad Homburg in der Villa Wertheimber eine neue Hölderlin-Wohnung eingerichtet und ihren ersten Stadtschreiber ernannt. Es ist der Schriftsteller Peter Henning, den sein Familien-Roman „Die Ängstlichen“ „auf die Landkarte der deutschen Gegenwartsliteratur“ setzte, wie der SPIEGEL 2009 schrieb. Wenige Jahre später wurde der Roman „Ein deutscher Sommer“ SPIEGEL-Bestseller und danach verfilmt. In ihm zeichnete Peter Henning das Gladbecker Geiseldrama nach, bei dem im Sommer 1988 drei Menschen den Tod fanden. 

Ebenfalls ein Roman soll das Buch werden, an dem Peter Henning in Bad Homburg arbeiten will: Unter dem Arbeitstitel „Das Ende der Benommenheit“ möchte er das Attentat auf Alfred Herrhausen nachvollziehen. Der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank war am 30. November 1989 im Bad Homburger Seedammweg einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen. Dass die RAF für die Täterschaft verantwortlich sei, wie es die offizielle Version besagt, bezweifelt Peter Henning allerdings. Er glaubt, dass eine „Koalition der Unheiligen“ den Mord verübt habe, um Herrhausens oft unkonventionellen Konzepten ein Ende zu bereiten. In Bad Homburg zu recherchieren, am Ort des Geschehens zu sein und mit Menschen zu sprechen, die das Attentat als Zeitzeugen miterlebten, ist für ihn wichtig. Gleichwohl soll das Buch kein Sachbuch werden – er sei Schriftsteller und nicht Dokumentarist, sagt Peter Henning –, auch kein Krimi, sondern ein Gesellschaftsroman wie seine anderen Bücher. 

Für seine Arbeit findet Bad Homburgs erster Stadtschreiber denkbar günstige Bedingungen vor: Die 70 Quadratmeter große Hölderlin-Wohnung befindet sich in der ruhigen Atmosphäre einer Gründerzeit-Villa in einem historischen Park. Sie ist mit allem Komfort ausgestattet einschließlich einer üppigen Bibliothek und wird kostenfrei bewohnt. Zwei Etagen unter ihr hat das Bad Homburg Stadtarchiv seine Räumlichkeiten, dessen Tausende von Dokumenten, Büchern und Bildern jeden Wissensdurst stillen. 

Für jeweils ein Jahr können sich Forscher und – das ist neu – Schriftsteller bewerben. Die bisherige Hölderlin-Wohnung stand nur Wissenschaftlern offen. Sie befand sich seit 1986 in der Dorotheenstraße in der Stadtmitte, in dem Haus, das in einer Nacht- und Nebel-Aktion abgerissen und dann originalgetreu wieder aufgebaut worden war. Hier hatte Hölderlin im ersten Jahr seines zweiten Homburg-Aufenthaltes gewohnt. Mit der neuen Hölderlin-Wohnung in der Villa Wertheimber entschied sich die Stadt, das Konzept um Literaten zu erweitern, weil die Literatur eine wichtige Kultursäule in Bad Homburg darstellt. 

Peter Henning, 61 Jahre alt, stammt aus Hanau und lebt heute in Köln. Seit 1983 arbeitete er als Literaturkritiker für verschiedene große Zeitungen und Magazine Deutschlands und der Schweiz. Außerdem ist er Lehrbeauftragter für Kreatives Schreiben an der Universität Köln. In Bad Homburg wird er Interessierte mit öffentlichen Werkstattgesprächen an der Entstehung des Buches teilhaben lassen.

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