18.06.2021

Bad Homburg stellt eine originale Handschrift von Hölderlin aus

Nur wenige Tage besteht die ausgesprochen seltene Gelegenheit, eine Originalhandschrift des Dichters Friedrich Hölderlin zu sehen – im Bad Homburger Hölderlin-Zentrum in der Villa Wertheimber (Tannenwaldallee 50. Dort hat Dr. Bettina Gentzcke, Leiterin des Fachbereichs Kultur der Stadt Bad Homburg, ein Hölderlin-Kabinett eingerichtet, für das sie wechselnde Ausstellungen plant. Den Auftakt bilden Erläuterungen zu Hölderlins Gedicht „Andenken“ und dazu eben die Originalhandschrift der letzten Strophe. Sie ist aus konservatorischen und sicherheitstechnischen Gründen in einer speziellen Klimaglasvitrine verwahrt. Der Rest des Manuskripts ging verloren, der vollständige Gedichttext wurde aber in Leo von Seckendorfs Musenalmanach von 1808 überliefert. Hölderlin-Preisträger Rüdiger Safranski bezeichnete „Andenken“ als Meisterwerk. Weltberühmt und vielfach zitiert ist der letzte Satz des Gedichtes: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“ 

Das komplette Gedicht kann in der Ausstellung auf einer Tafel nachgelesen werden, wie auch die biografischen Hintergründe und der Bezug Hölderlins zu Homburg vor der Höhe dargestellt werden. Durch seinen Freund Isaac von Sinclair verbrachte der gebürtige Württemberger zwei Mal zwei Jahre in der Residenzstadt am Taunus – 1798 bis 1800 und 1804 bis 1806. Im Zwischenzeitraum, nämlich 1803, entstand „Andenken“. Im Juni 1802 war der 32-Jährige aus Bordeaux zurückgekehrt. Weit über 3000 Kilometer hatte er auf Hin- und Rückweg zurückgelegt – zu Fuß. Seine Erwartungen, die er in seine „Auswanderung“ nach Frankreich gelegt hatte, hatten sich offenbar nicht erfüllt. Aber von der Hafenstadt Bordeaux hatte er durchaus positive Eindrück, die sich in dem Gedicht widerspiegeln. Hölderlin ging jedoch über die konkreten Erinnerungen hinaus, zog Bilanz und unternahm den Versuch einer Selbstverortung in der Welt. 

Die originale Manuskript-Seite von „Andenken“ kann noch bis zum 24. Juni angesehen werden, danach wird sie durch ein hochwertiges Faksimile ersetzt und geht zurück in die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart. Dort verwahrt die Stadt Bad Homburg alle in ihrem Eigentum befindlichen Handschriften. Und das ist immerhin die zweitgrößte Sammlung der Welt. Bad Homburg hat also noch viele Möglichkeiten, diesen zwar genialen, aber schwierig zu verstehenden Dichter der Öffentlichkeit nahe zu bringen. 

Um ihn be-greifbarer zu machen, vielleicht auch bei den Jugendlichen, hat Dr. Gentzcke ein Denk-mal gekauft und im Eingangsbereich zur Ausstellung aufstellen lassen. Kein Denkmal, sondern auch nach dem Willen des Künstlers ein „Denk mal! (nach)“: eine 66 Zentimeter hohe Kunststoff-Figur, die den sitzenden Friedrich Hölderlin mit einem mit beiden Armen umschlungenen Buch darstellt. Geschaffen hat sie der bekannte Konzeptkünstler Ottmar Hörl, und zwar 250 Mal. Mit ihnen schuf er eine Installation auf den Treppenstufen der Stiftskirche in Tübingen und auf der Mauer am Neckerufer unterhalb des Hölderlin-Turms. Die seriellen Hölderline hatten die monochromen Farben Gold, Schwarz, Nachtblau und Opalgrün. Die Kulturamtsleiterin entschied sich für den blauen Hölderlin. Sie hofft, dass die Skulptur Impulse zu Gesprächen gibt. Allein die glatte, einfache Struktur vermittele, dass Denkformen nicht vorgegeben sind. Das auch von Hölderlin oft beschworene „Offene“ sei gefragt. 

Öffnungszeiten der Ausstellung „Andenken – ein poetisches Meisterwerk“ mit der Original Handschrift: bis 24. Juni täglich von 15 bis 18 Uhr, Hölderlin-Zentrum im Foyer der Villa Wertheimber. Anmeldung vor Ort erforderlich. Ab dem 1. Juli bis zum 31. Oktober bleibt die Ausstellung mit einem Faksimile der Handschrift bestehen. Öffnungszeiten: Dienstag 9 bis 16 Uhr, Mittwoch 14 bis 19 Uhr, Freitag 9 bis 12 Uhr, Sonntag 15 bis 18 Uhr und nach vorheriger Anmeldung.

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